Happy Birthday, Fotografie!

Happy Birthday to you! Alter Schwede… bzw. alter Franzose! Heute vor 175 Jahren haben in Paris die Akademie der Wissenschaften und die Akademie der Künste gemeinsam eine Revolution vorgestellt. Wissenschaft und Kunst im Einvernehmen, das bekommst Du auch nicht alle Tage – zum gefühlt letzten Mal vor praktisch genau 175 Jahren.

Bleibende Momente waren bis zu diesem 19. August 1839 zur Subjektivität verdammt – entweder wurden sie im menschlichen Gehirn „konserviert“ – bestenfalls auf Lebensdauer, praktisch der Inbegriff der Vergänglichkeit – oder per Pinselstrich verewigt, dem Können des Pinselschwingers bzw. dem Wohlwollen seiner Finanziers unterworfen.

Die Kamera an sich ist weit älter, als Camera obscura hat sie ca. 1450 Jahre mehr auf dem Buckel, und stets war sie ein treues Werkzeug der o.g. Pinselschwinger… nur waren ihre Bilder so vergänglich wie das Licht.

Herzlichen Dank an Louis Daguerre (1787 – 1851), der die Bilder zum ersten Mal eingefroren hat. Und das lange, bevor ein Fotograf auf die Idee kam, seinen Diafilm ins Tiefkühlfach zu legen. Das traurige daran ist, dass wohl die Hälfte der Leser diesen Witz nicht verstehen wird. Aber irgendwie ist das nur konsequent und keineswegs als Beleidigung zu verstehen.

Es ist alles schon einmal fotografiert worden – aber nicht von jedem.
(Karl Valentin)

Irgendwie war das Foto immer nur die Vorstufe zum bewegten Bild, folglich zur schieren Masse. Und damit meine ich nicht nur 3D-FullHD-Videos mit 60 Frames/Sekunde. Selbst das Einzelbild ist inzwischen ersetzbar: Einerseits, weil die Welt enger zusammengerückt und aus (Fern-)Reisen eine Selbstverständlichkeit, aus Karl Valentins Scherz eine grausame Wahrheit geworden ist. Andererseits durch die unübersichtliche Zahl, die das einzelne Bild verschwinden lässt. Wie ein Sandkorn in der Wüste, das innerhalb von Sekunden von hundert anderen Sandkörnern bedeckt wird. Verschwunden auf Speicherkarten, die in 100 Jahren vielleicht kein Gerät mehr lesen kann. Verschwunden auf Instagram und Facebook, möglicherweise in 5-10 Jahren abgeschaltet, mitsamt all den „YOLOs“.

An alldem gebe ich die Schuld nicht Facebook, nicht Instagram, nicht den von mir geliebt-verabscheuten Foto-Communities und auch nicht der Digitalfotografie. Verantwortlich für das Ergebnis ist der Fotograf. Überlegt euch, ob ihr das Foto nach dem Auslösen wirklich noch einmal sehen wollt. Macht euch Gedanken, gestaltet das Bild, druckt es aus oder lasst es drucken.

Ziel sollte sein, dass in 100 Jahren irgendjemand das Bild – in welcher Form auch immer – betrachtet und sich denkt: ist zwar 2D, aber hat was!

Die arme Sau, die daneben steht und rätselt „was zum Teufel ist YOLO und SWAG?“, tut mir nicht nur für 175 Jahre leid, sondern für alle Ewigkeit.

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