Fotograntler #002: schonmal das Märchen von der Hyperfokaldistanz erzählt bekommen?

Wie oft denn noch?! Scharf ist der Punkt, auf den man fokussiert, und alles in der selben Entfernung (Bildfeldwölbung und Tilteffekte mal ausser Acht gelassen). Mir egal, wer wie oft das Gegenteil behauptet: jede andere Entfernung ist, unabhängig von der eingesetzten Blende, weniger scharf als die anfokussierte Entfernung. Das ist Fakt. Aber wer lässt sich schon von Fakten beirren, wenn die Märchenstunde von der Hyperfokaldistanz immer ein Happy End verspricht?

Abblenden macht das Bild schärfer? Nicht ganz, richtigerweise sollte es heissen: Abblenden macht die nicht scharfgestellten Entfernungen mit Annäherung an die fokussierte Entfernung weniger unscharf. Das hört sich jetzt nach Haarspalterei an, aber genau damit beginnt und endet das Märchen von der Hyperfokaldistanz, die einen berechenbaren Schärfebereich suggeriert. Tatsächlich verliert das Bild ausserhalb der scharfgestellten Distanz auch bei Nutzung der Hyperfokaldistanz an Schärfe. Mal weniger und mal mehr. Bei Leuten, die sich mit dem Thema ausführlicher befasst haben, wird in diesem Zusammenhang gern von akzeptabler Unschärfe, statt von einem Schärfebereich gesprochen.
Der Haken an der Angelegenheit: fokussiert man am Kleinbild bei f/16 ein 18mm-Objektiv auf die Hyperfokaldistanz (ca. 69cm), dann ist der schärfste Punkt das Motiv, das sich bei 69 cm befindet, oder sich eben nicht dort befindet… während der Hintergrund, und somit wahrscheinlich die größten Teile des Bildes, bis unendlich immer weniger scharf wird, wenn auch noch im „akzeptablen“ Bereich.
An einer 6-Megapixel-APS-Kamera dürfte der Unterschied schwer auszumachen sein (was vielleicht Mitte der 2000er zur Verklärung der Hyperfokaldistanz beigetragen hat), aber Canon, Nikon, Pentax und Sony bieten jeweils schon Kameras mit Kleinbildsensoren >36 Megapixel an, und damit ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht… gerüchteweise sollen die meisten der o.g. Kandidaten ihren Kameras in Kürze Sensoren jenseits der 100 Megapixel auf den Pelz brennen. Prost, Mahlzeit! In der Konsequenz wird das bedeuten, dass die akzeptable Unschärfe an solchen Megapixelmonstern immer weniger akzeptabel werden wird. Wie es mit der Schärfe auf dem fokussierten Punkt aussieht, wenn sich viele Optiken schon an der 50-Megapixel-Klasse die Zähne ausbeissen (oder andersrum)? Geschenkt!
Wer einen großen Schärfebereich braucht, kommt manchmal nicht um die Nutzung der Hyperfokaldistanz und die damit verbundene Rechnerei herum. Das ist im Grunde kein Problem, wenn man die Schwächen dieser Methode kennt und in Kauf nimmt. Aber das Allheilmittel, als das die Hyperfokaldistanz von manchen dargestellt wird, ist sie keineswegs!
Alternative ist vielleicht in manchen Fällen das sogenannte Focus Stacking, aber das hält dann wiederum ganz andere Gemeinheiten für uns bereit. Oder  das Tilten, für das man wiederum spezielle Objektive benötigt.
Granteln, also das leicht mürrische Betrachten eines Standpunktes, ist fester Bestandteil der bayerischen Kultur. Ich bin Bayer und ich bin Fotograf, was bietet sich also mehr an, als über fotografische Themen zu granteln? Der Verständlichkeit halber werde ich mich trotzdem stets bemühen, mich in Hochdeutsch auszudrücken und notwendige bayerische Ausdrücke soweit möglich zu übersetzen. Wem diese Rubrik eine zu negative Grundstimmung hat, dem sei zum Verständnis ein weiteres bayerisches Prinzip ans Herz gelegt: Ned grantelt is gnua g’lobt!