Ein Jahr ohne Ausreden – Projekt 365

Manchmal bist du als Fotograf einfach ein Hirsch! In meinem Fall ist der fotografische Super-GAU eingetreten: ein Motiv ist unwiederbringlich verloren, ohne dass ich es fotografiert habe… und zuvor fast täglich daran vorbeigelaufen bin.

Und als ob das nicht reichen würde, ich werde das fortan unbrauchbare Motiv (und das im Kopf fertig gestaltete Bild) künftig fast täglich vor Augen haben. Die ultimative Strafe für den faulen Fotografen, der sich das Motiv „morgen“ vornimmt.

Über die Architektur in der Münchener Innenstadt könnte man ganze Bücher schreiben. Und schnell wäre einem klar, dass man in Kürze ein Geschichtsbuch in Händen hält. Es hat mich ja wirklich nicht unvorbereitet getroffen – ich bin in den 1980ern mit Pumuckl aufgewachsen… um Anfang der 2000er feststellen zu müssen, dass ich niemals die „Werkstatt“ von außen sehen werde. Wie die Werkstatt, in der Deutschlands bekanntester Kobold am Leimtopf festklebte, war auch mein Motiv in einem Innenhof, nicht unweit der Isar. Eine Fassade, der bestenfalls im mediterranen Stil noch etwas Putz anhaftete, darunter verschieden ausgebleichte Ziegelsteine. Davor ein mächtiger Baum, locker 15 Meter hoch, der zumindest optisch aus einem Garagendach wächst.

Vergangenen Montag stellte ich mit entsetzen fest, dass sich ein Gerüst bis unters Dach zog und die Fassade schon teilweise verputzt war. Auf meinem Arbeitsweg. Mir wurde recht schnell klar, dass dieses Haus zu meinen Lebzeiten wohl nie mehr so desolat (und desolat ist fast immer fotogen) aussehen wird.

Ich hatte schon viele Gelegenheiten zum fotografieren verpasst: mal war das Wetter mies, mal das falsche Objektiv an der Kamera, mal wegen Stau das gute Licht verpasst, mal legte die bessere Hälfte Protest ein. Aber diese verpasste Gelegenheit ist voll und ganz hausgemacht, und das ärgert mich mehr als alle anderen Gründe zusammen: Einerseits nie die Spiegelreflex mitgeschleppt, andererseits zu technikverliebt, um ein Handyfoto als Probeschuss, als Zwischenschritt, als Inspiration, zu akzeptieren.

Beginnend mit dem 24.05.2015 habe ich für mich ein Projekt mit folgenden Eckpunkten gestartet:

  • nie ohne Kamera (Update 24.6.: nie ohne Kamera und Stativ… ja, ein bisschen Overkill!) unterwegs. 365 Tage lang.
  • auch mal neue Themenfelder erkunden
  • mindestens ein Foto pro Tag
  • JEDEN Tag!
    • egal, ob Knipsbild oder Sitzfleisch-Stativ-Session
    • egal, ob mit Spiegelreflex, Handy oder Kompaktkamera
    • egal, ob gut oder schlecht
    • auf Vorrat oder nachträglich fotografieren ist tabu
  • mein persönliches Umfeld dazu motiviert, regelmäßig einen Blick auf die Ergebnisse zu werfen. So verhindert man, dass die Selbstkontrolle fehlschlägt.

Was erwarte ich mir davon?

  • natürlich Buße/Züchtigung für meinen Fehler 😉
  • die Wertschätzung für jedes Motiv weiter bzw. wieder zu entdecken
    • besonders für die alltäglichen Motive
    • besonders, nachdem die Motive ein erheblicher Faktor für die Wahl meiner letzten Urlaubsziele waren
  • Tagesform zu akzeptieren
  • meinen fotografischen Blick weiter zu schulen
  • meine Umgebung intensiver zu erleben
  • vielleicht mindestens einen Leser zu einer ähnlichen Aktion zu motivieren
  • ist vielleicht auch ein bisschen Seelenstriptease, nachdem ich meinen Facebook-Account gelöscht habe

08.07.2015: Erstes Zwischenfazit nach ca. 6 Wochen:

  • bisher hat’s an zwei Tagen partout nicht geklappt
    • das wollte ich vermeiden, aber gelegentlich holt einen die Realität nunmal ein
    • die zwei Tage häng ich hinten dran, künftige – hoffentlich seltene – Versäumnisse ebenfalls
  • ich spiele mit dem Gedanken, die Serie hier zu veröffentlichen. Was hält mich davon ab?
    • ich komm für mich gut mit der wechselnden fotografischen Tagesform klar, aber momentan bin ich noch zu eitel, um schlechte Resultate zu veröffentlichen. Und die gibt’s selbstverständlich auch.
    • es gab Tage, an denen habe ich – für mich untypisch – Zweibeiner fotografiert, und das rein für private Zwecke. Vielleicht arbeite ich da ja mit Platzhalter? Mal sehen
  • Während ich meine Fotoaktivitäten früher meist geplant hatte, binde ich sie inzwischen mehr in meinen Alltag ein. motivvielfalt größer, Zeitaufwand kleiner als erwartet